Jede Frau kann. Ein Interview über Verantwortung für das eigene Glück, die Bullshit Spirale und weibliche Solidarität.

Foto zeigt Julia Bellabarba und Franziska Plesser im Interview

Am 06. August 2021 hatte ich das Vergnügen von der erfolgreichen Psychologin und Paartherapeutin, Julia Bellabarba, interviewt zu werden.  Sie ist Diplom-Psychologin in Berlin und arbeitet seit 25 Jahren erfolgreich als Paartherapeutin in Berlin. Neben ihrem Psychologie Studium hat sie eine fundierte Ausbildung als systemische Paar- und Familientherapeutin. Privat ist sie auch noch als Mutter und Ehefrau unterwegs. Julia ist eine lebhafte, begeisterungsfähige und engagierte Frau, die gerne lacht. So hatten wir sehr viel Spaß während des Interviews.

 

JB Liebe Franziska, herzlich willkommen. Ich freue mich auf unser Interview heute. Du arbeitest als Coach und Mentorin und bietest Frauen etwas Besonderes an: Coaching für Mütter, die Karriere, Familie und das eigene Glück unter einen Hut bringen möchten. Eine spannende Idee. Wie kam es dazu?

FP Zwei Sachen, haben mir dazu gebracht.  Erstens, ich bin selber Mutter von vier Kindern und ich habe zwölf Jahre lang als Geschäftsführerin in der Baubranche gearbeitet. Das war eine tolle Zeit, in der ich viel gelernt habe und nichts missen möchte. Am Ende hatte ich allerdings immer mehr das Gefühl, dass mir etwas fehlt.  Durch ein Business Coachings für mich selbst habe ich dann das erste Mal über mich als eigenständige Person nachgedacht: wer bin ich denn? Jenseits der Aufgaben als Geschäftsführerin, Mutter und Partnerin – was sind meine ganz eigenen Bedürfnisse? Das hat mich sehr verändert und ich fing selber eine Coaching Ausbildung an. Als ich mich dann selbstständig machte, habe ich viele Mütter gecoacht, die ähnliche Fragen an ihr Leben hatten. Ich habe gemerkt, das ist mein Thema: ich möchte berufstätige Mütter unterstützen, ihr Leben zu genießen und sich selbst auch noch wahrzunehmen.

 

Welche Fragen haben diese Klientinnen? Was sind ihre Themen?

FP Typischerweise sind das die Fragen: Wie kann ich Beruf und Familie vereinbaren? Wie viel kann ich arbeiten? Und was macht das schlechte Gewissen mit mir? Wie gehe ich mit Verunsicherung um? Ist ein Karriere für mich noch möglich? Wie schaffe ich es, trotzdem noch eine glückliche Partnerschaft führen? Wo bleiben meine Bedürfnisse und wie achte ich auf sie und meine Freiräume. Zu dem Thema „Achtsamkeit“ möchte ich im Herbst einen online Kurs für Mütter anbieten. Damit Mütter, die Karriere machen, sich selber in ihrem vollen Alltag Rituale und Freiräume schaffen können.

JB Ein Leben führen, in dem sie noch selber vorkommen, sozusagen. Ich bin sehr davon überzeugt, dass es strukturelle Gründe hat, dass Mütter immer ein schlechtes Gewissen haben. Das sehe ich mittlerweile als feministisches Thema.

Wie siehst du den gesellschaftlichen Kontext, in dem berufstätige Mütter stehen?

FP Gesellschaftlich muss sich da noch extrem viel verändern. Grade während der Corona Zeit haben wir gemerkt, dass wir auch anders arbeiten können. Wenn wir bedenken, wie wenig Frauen in höheren Positionen in Unternehmen Verantwortung haben, dann liegt das auch immer daran, dass es als ihre Aufgabe angesehen wird, Familie und Karriere zu vereinbaren. Kein Mann wird jemals in einem Vorstellungsgespräch gefragt: wie wollen sie denn die Verantwortung in dieser Position mit ihrer Familie vereinbaren? Frau werden gerne gefragt: wie machen sie das mit ihren Kindern? Die Arbeitswelt muss sich an den Bedürfnissen von Frauen mit Kindern ausrichten – alles andere ist ja einfacher. Welche Voraussetzungen müssen strukturell implementiert werden, damit eine Vorständin in einem DAX Unternehmen mit vier Kindern erfolgreich im Beruf sein kann? Das muss die Leitfrage der Unternehmen sein.

JB Wenn wir jetzt weiter von dem gesellschaftlichen Kontext sprechen, finde ich es wichtig zu reflektieren, dass Mutterschaft nicht als Null-Summen-Spiel angesehen wird. Ich erlebe, dass diese Fragen immer im Entweder-oder-Modus diskutiert werden. Wenn etwas gut ist für die Mutter, dann ist das schlecht für die Kinder. Wenn ich etwas für mich mache, nehme ich den Kindern etwas weg. Ich bin sehr für Kinder und ich bin sehr für Mütter! Wie erlebst du das?

FP Das sehe ich ähnlich. Ganz tief verankert ist die Überzeugung vieler Mütter: wenn ich mir Zeit nehme, meinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen dann stehle ich sie der Familie. Und das heißt, ich bin schlecht. Wir müssen die Frauen stärken, ihre Bedürfnisse sind legitim. Das ganz große Thema ist: das schlechte Gewissen!

„Frauen sollten dazu stehen, dass sie gerne berufstätig sind und Karriere machen wollen. Und ihre Familie über alles lieben.“

JB Ich erkläre den Paaren wie ich die Prioritäten sehe. Und das führt oft zu Verwunderung, wenn ich sage, oberste Priorität haben sie selbst. Sie müssen sich um sich selber kümmern. Zweite Priorität hat ihre Beziehung. Wenn sie zufrieden sind und ihre Ehe stabil ist, dann haben die Kinder alles, was sie brauche. Wenn sie sich selbst und ihre Partnerschaft den Bedürfnissen der Kinder unterordnen, riskieren sie, dass ihre Kinder Eltern haben, die krank oder unzufrieden werden und sich scheiden lassen. Ich finde es auch interessant, wie Frauen den Kindern erklären, warum sie arbeiten gehen, beispielsweise wenn das Kind keine Lust hat in die Kita zu gehen. Meistens sagen berufstätige Frauen, denen ihr Beruf sehr viel Spaß macht, so etwas wie Mama muss jetzt los, weil Mama muss jetzt arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich habe sehr selten gehört, dass Frauen sagen Ich fahr jetzt in die Arbeit, weil ich gerne arbeite …

FP Ich finde es wichtig, dass Frauen dazu stehen: ich möchte arbeiten, ich bin gern berufstätig und ich will Karriere machen. Ihr, also die Familie, seid wichtig. Aber ihr seid nicht alles.

JB Frauen fühlen sich immer in der Defensive, wenn sie arbeiten. Kinder brauchen doch keine Mütter, die defensiv argumentieren, handeln, fühlen …

FP Und andrerseits mangelt es vielen Frauen, die sich ausschließlich der Familie widmen, und nicht arbeiten, an Selbstwertgefühl!

JB Ich erlebe bei meinen Klientinnen folgende Situation: wenn sie keine Kinder haben möchten, dann ist das schwierig… Kinder haben zu wollen, wird erst mal als gut angesehen – und dann: Arbeit? Gar nicht arbeiten zu wollen wird oft problematisiert. Ein bisschen arbeiten zu wollen wäre ideal, damit sind alle einverstanden, das ist das Jodel-Diplom. Viel arbeiten? Eine große Karriere machen zu wollen? Schwierig … wozu hast du denn dann Kinder? Frauen erleben auf diesen unterschiedlichen Positionen mehr Kritik als Männer und reagieren darauf mit Selbstzweifel.

Wie viel Solidarität siehst du in dieser Hinsicht unter Frauen?

FP Sehr unterschiedlich. Im Unternehmen können Frauen durch Mentorinnen viel Unterstützung erfahren. Ich glaube allerdings, dass Frauen noch viel mehr für einander tun könnten, weniger bewerten und abwerten der unterschiedlichen Lebensmodelle wäre zum Beispiel sehr gut. Wichtig sind Vernetzung und Solidarität! Außerdem würde ich uns wünschen, dass wir Frauen uns viel selbstverständlicher Unterstützung holen und uns reflektieren, wenn wir merken, dass wir mit bestimmten Belastungssituationen nicht so gut klarkommen. Die Perfektionsfalle bedeutet ja in dem Zusammenhang, dass wir glauben wir müssten das alles automatisch super gut allein hinkriegen.

JB Having ist all! Die Berechtigung, sich das zu wünschen wird Frauen abgesprochen. Wenn sie beides wollen: eine Familie und eine Karriere, dann haben sie das Gefühl, dass es ihnen dann auch möglichst leicht gelingen muss. Und das sie dann kein Recht darauf haben, sich überfordert zu fühlen. Die strukturellen Benachteiligungen, von denen wir vorhin gesprochen haben, werden dabei gar nicht reflektiert. Es wird dann als ein persönliches Problem einer Frau gesehen, die sich einfach zu viel vorgenommen hatte. Und dann kommt noch die Bullshit Spirale hinzu! Die Darstellung in den sozialen Medien konfrontiert mit sehr unrealistischen Bildern, die vermitteln, dass der Alltag mit Kindern ein Spaziergang ist.

FP Ja! Und dann der Spruch Alles eine Frage der Organisation, bullshit! Das führt direkt in die Schuldzuweisung. Es ist immer deine Verantwortung, wenn etwas schiefläuft.

JB Ein weiterer Spruch in der Bullshit Spirale nach der Entbindung sind alle Schmerzen vergessen. Ich habe in den letzten zehn Jahren vermehrt darauf geachtet, in der Paartherapie sehr viel genauer nach den Erfahrungen mit Schwangerschaft und Entbindung zu fragen und habe festgestellt, dass viele Mütter und auch viele Paare noch sehr viele Jahre später darunter leiden, dass sie unter der Geburt so wenig Unterstützung erhalten haben, dass ihre Beziehung noch Jahre später von dieser Ausnahmeerfahrung negativ geprägt ist.

FP Das Konstrukt „Rabenmutter“ fängt schon so früh an, zu greifen. In der Zeit nach der Entbindung, also in der Elternzeit, wenn Mütter noch nicht wieder arbeiten, wird suggeriert, dass die Bedürfnisse der Frauen automatisch zulasten des Babys gehen. Das Bedürfnis nach Schlaf, nach Erholung, nach einer gewissen Autonomie, diese Bedürfnisse, die völlig angemessen sind und die die meisten Frauen haben, werden abgewertet.

Welche Bullshit Aussage findest Du für Frauen besonders belastend?

FP Ein glückliches Kind schreit nicht!

JB Ja, und wenn es nicht glücklich ist, dann ist die Mutter schuld! Für mich ist es interessant, dieses Phänomen der unrealistischen Erwartungen zu beleuchten, weil ich glaube, dass darin eine mangelnde Solidarität zum Ausdruck kommt. Frauen (und auch Männern), zu vermitteln, dass es nur gelingen kann, Familie und Karriere zu vereinbaren, wenn Unternehmen und Gesellschaft strukturell unterstützen, ist absolut zentral. Realismus? ist ein Akt feministischer Solidarität, sagt Glaser. Sonst bleibt die Situation so, wie wir sie haben: Frauen allein fühlen sich verantwortlich. Und schuldig!

FP Wir Frauen sollten mehr miteinander über die Realität unserer komplexen Lebenssituationen sprechen. Und das als Kompetenz und Stärke zu sehen!

JB Ein schönes Schlusswort! Vielen Dank, Franziska.

Mehr zu Julia Bellabarba findest du hier auf Ihrer Website. Artikel, Anregendes und Empfehlungen für Paare, bekommst du auf Julias Blog.

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